Welt im Fluss

Sebastian Brameshubers "London" ist ein Kammerspiel, das das Auto seiner Hauptfigur kaum verlässt. Im Kino mit Tilman Schumacher

Kein Funken Selbstreflexion

Romain Gavras' Milliardärs-Satire "Sacrifice" punktet mit einem glänzend aufgelegten Cast. Im Kino mit Michael Kienzl

Die Dialektik von Schweigen und Benennen

"Schweigen über Verbrechen ist, was ich anfechte und worüber ich schreibe", sagte Philippe Sands in seiner Friedenspreisrede - und schien die Leerstellen in der eigenen Rede gar nicht zu bemerken. Von Thierry Chervel

INTERVENTION

Putins feuchter Traum

19.10.2026. Die Gewalt in Frankreich ist weder Ausdruck mangelnder Integration bestimmter Bevölkerungsgruppen, noch soll sie eine Unzufriedenheit mit der französischen Politik artikulieren. Sie soll die jetzt schon herrschende Polarisierung in Frankreich zum Exzess treiben und die Fünfte Republik als Ganzes kippen. Europa würde mit in den Abgrund rutschen. Von Thierry Chervel. Mehr...

BÜCHERSCHAU DES TAGES

Die Adelung der Fliege

19.10.2026. Die FAZ erfährt vom Medienrechtler Moritz Köhler, wie KI von Richtern eingesetzt wird. Die FR gräbt sich mit Frank Ashwood in die Geheimnisse der Bodenökologie ein. Die NZZ lernt von Davide Giuriato, warum Fliegen politisch sind. Fasziniert taucht sie außerdem in die Erinnerungen der litauischen Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Žemaitė ab. Die SZ geht mit Sophia Fritz und Julia Ebner den Ursachen toxischer Männlichkeit auf den Grund. Die Welt studiert Michel Foucaults Band "Hermaphroditen".  Mehr...

EFEU - DIE KULTURRUNDSCHAU

Das Jenseits der Schriftsteller

19.10.2026. Als einsame Viruserkrankte begeistert Nina Hoss die Kritiker in Mariko Minoguchis Film "Die andere Seite". Das Deutsche Jazzfestival zeigt der FAZ allerhöchste Standards abseits von ausgetretenen Jazz-Pfaden. Die SZ bewundert die Virtuosität der Jazzpianistin Johanna Summer. Die taz trauert um den senegalesischen Autor Cheikh Hamidou Kane. Michael Köhlmeier erinnert sich im Gespräch mit dem Standard an seine verstorbene Frau Monika Helfer. Die Münchner Theaterbesucher gruselt es in Felicitas Bruckers Horváth-Inszenierung über den Verlust der Moral in schwierigen Zeiten. Mehr...

9PUNKT - DIE DEBATTENRUNDSCHAU

Äußerst gefährlich für die Demokratie

19.10.2026. Die schockierende Gewalt bei den Demonstrationen in Frankreich wird die Medien in Frankreich und Europa noch länger beschäftigen - in Le Point weigert sich der  Philosoph Pierre-Henri Tavoillot, Plünderungen als Ausdruck eines berechtigten Zorns zu bezeichnen. Der Staat selbst wird in Frankreich attackiert, stellt die SZ fest. In der FAZ erklärt der Historiker Krisztián Ungváry, warum die "unblutige Revolution" in Ungarn 2026 in einer Linie mit Ungarn 1956 zu sehen ist. Die gescheiterte Hinrichtung einer Mörderin in den USA zeigt die Absurdität von Todesstrafe überhaupt, sagt die Anwältin Sandra Babcock in Zeit online. Mehr...

FOTOLOT

Dieser Rausch der Formen

15.10.2026. Wer durch die Neue Nationalgalerie schreitet, und sich mit Maurizio Cattelans peinlich vordergründigen, in Ihren Effekten wohlkalkulierten Skulpturen und Rauminstallationen konfrontiert sieht - der Papst liegt am Boden, Hitler ist auf den Knien, das Pferd hängt von der Decke und kann somit nicht durchs nachgebildete Brandenburger Tor traben -, kann nur den Kopf schütteln. Sicher, Cattelans Arbeiten haben einen gewissen Humor, der in Wahrheit jedoch nicht über Pennälerwitze hinaus geht. Aber es gibt ein Gegengift, in Berlin selbst: Leute, erinnert euch an Brassai, den Fotografen der Pariser Nacht - und noch viel mehr, ausgestellt in der Galerie Berinson. Von Peter Truschner. Mehr...

IM KINO

Die Welt im Fluss

14.10.2026. Im Gespräch mit Fremden kann es passieren, dass das Innerste nach Außen tritt. Sebastian Brameshubers "London" ist ein gefühlvolles Kammerspiel, das das Auto seiner Hauptfigur kaum einmal verlässt. Von Tilman Schumacher. Mehr...

IM KINO

Kein Funken Selbstreflexion

14.10.2026. Die Reichen und Schönen treffen sich für ein scheinheiliges Charity-Event in Griechenland und werden dort von einer esoterischen Umweltsekte heimgesucht. Romain Gavras' Milliardärs-Satire "Sacrifice" bewegt sich auf bekanntem Terrain, punktet aber mit einem glänzend aufgelegten Cast. Von Michael Kienzl. Mehr...

MAGAZINRUNDSCHAU

Zarte Kritzeleien

13.10.2026. Der Guardian porträtiert Scheich Tahnoun bin Zayed Al Nahyan, Chef des KI-Konzerns G42 und praktischerweise auch Geheimdienstchef der Vereinigten Arabischen Emirate. Eurozine fragt, warum die EU den serbischen Autokraten Aleksandar Vučić so herzlich hofiert. In Le Grand Continent denkt Eva Illouz über Dreyfus-Affäre und Genozidvorwurf-Affäre nach. Vanity Fair porträtiert einen der reichsten (und verschuldetsten) Vertreter des "neuen Establishments" in den USA: Larry Ellison. Mehr...

BÜCHERBRIEF

Mit Gogol und Charms

12.10.2026. Ein Dorf kann ganz gewöhnlich deutsch sein und doch überwältigend: aber nur wenn es von der Buchpreis-Gewinnerin Shida Bazyar wie in ihrem Roman "Die Lücken" porträtiert wird. Die Kritiker bewundern ihr Spiel mit den Identitäten. Dora Kapralovas kleines Juwel "Die Mariborhypnose" und Jachym Topols barocker Unbildungsroman "Die Hölle gibt es nicht" vertreten würdig den tschechischen Buchmesseschwerpunkt. Manuela Müller schickt eine aufwühlende Reportage aus Sachsen, wo die Jugend wieder Hakenkreuze malt. Und eine Biografie wirft ungemütliches Licht auf den Spiegel-Gründer-Rudolf Augstein. Mehr...

INTERVENTION

Die Dialektik von Schweigen und Benennen

11.10.2026. Philippe Sands beklagte in seiner Friedenspreisrede das Schweigen über Verbrechen Israels, die er aber selber gar nicht benannte. Er kritisierte die deutsche Regierung, forderte, dass sie Palästina anerkenne und Israel sanktioniere. Die "Staatsraison" nannte er rassifiziert. "Schweigen - und Schweigen über Verbrechen - ist, was ich anfechte und worüber ich schreibe", sagte er - und schien die klaffenden Leerstellen in der eigenen Rede gar nicht zu bemerken. Von Thierry Chervel. Mehr...

IM KINO

Die Tränen der Monster

08.10.2026. Ein koreanisches Kaff wird von mysteriösen humanoiden Wesen heimgesucht, ein Polizist nimmt den Kampf auf. So weit so geradlinig - aber unter seiner rasanten Oberfläche ist Na Hong-jins Actionfilm "Hope" ziemlich wahnwitzig und überkandidelt. Von Robert Wagner. Mehr...

TAGTIGALL

Homerika

05.10.2026. Ihre ausführliche Kritik an Christopher Nolans Film "Die Odyssee" beendete die britische Altphilologin und Homer-Übersetzerin Emily Wilson sinngemäß mit der Bemerkung, dass sie Nolan trotzdem sehr dankbar sei. Schließlich trage er auf seine Weise dazu bei, dass die Odyssee auch in Zukunft gelesen werde. Tatsächlich gibt es in jüngerer Zeit eine gewisse Renaissance: einige Dichterinnen haben sich Homers Werken auf neue Weise zugewandt. Hier ein paar Fundstücke. Von Marie Luise Knott. Mehr...

ESSAY

Uneinsehbare black box

01.10.2026. Rachel Szors und Yuval Abrahams Dokumentarfilm "Naza", der in Venedig mit Applaus überschüttet und mit einem Preis bedacht wurde, ist allein in Berlin in zehn Kinos angelaufen. In diesem Film wird unter anderem behauptet, Israel sei bereit, 500 tote Zivilisten als "Kollateralschäden" zu akzeptieren, wenn es gelinge, bestimmte Hamas-Führer zu töten. Nur ist kein einziges Ereignis überliefert, wo eine solche Anzahl von Toten von den Israelis in Kauf genommen wurde. Abrahams Berufung auf den Guardian als ein Institut, das seine Aussagen überprüfe, ist nicht stichhaltig. Von Daniel Rotstein. Mehr...

EIN WORT GIBT DAS ANDERE

Der Weise aus Paolo Alto

30.09.2026. Francis Fukuyama ist nach Berlin gekommen und stellt sein neues Buch in entspanntester Weise dar, offenbar ungequält von der notwendigen Kürzung geistesgeschichtlicher Referenzen (Hegel, Marx, Nietzsche etc.) und um voraussetzungsfreie Verständlichkeit bemüht - wie Professoren aus den USA es gut und gerne tun. Alles scheint so weit in Ordnung zu sein, wäre da nicht diese Klasse der thymotisch Aufgewühlten. Von Elke Schmitter. Mehr...

IM KINO

Von allen Seiten unter Druck

29.09.2026. Die Hölle der deutschen Bürokratie lernen sie ausgiebig kennen, mit der Gesellschaft, in die sie sich integrieren sollen, haben sie kaum Kontakt: Marvin Mennés Dokumentarfilm "Wohin mit mir?" folgt Majd und Shajfaisal, zwei jungen Geflüchteten, durch ihren Alltag. Von Lukas Pazzini. Mehr...

WO WIR NICHT SIND

Stimmt meine Frisur, dann stimmt mein Leben

28.09.2026. Zwei Reporterinnen verfallen dem Kongo: Judith Raupp erzählt in "Morgen gehe ich einkaufen, wenn der Markt noch steht" von ihrem Leben in Goma im Osten Kongos. Zwischen Kriegszügen, Vulkanausbrüchen und Epidemien scheinen wunderbare Momente der Freundschaft auf, des Miteinanders - und der Extravaganz. Und die britische Reisereporterin Sophy Roberts folgt den Spuren einer belgischen Expedition, die 1879 für Leopold II. indische Elefanten in den Kongo bringen sollte. Von Thekla Dannenberg. Mehr...

ESSAY

Postmortale Unschuldsvermutung

21.09.2026. Neulich atmete die deutsche Öffentlichkeit auf. Endlich schien der Anschlag auf das Haus der Israelitischen Kultusgemeinde in München im Jahr 1970 geklärt. Sieben Bewohner, Holocaust-Überlebende, sind bei diesem Anschlag ermordet worden. Nachdem sich eine Zeugin vom Hörensagen gemeldet hatte, identifizierte die Polizei einen Rechtsextremisten, der vor einigen Jahren gestorben ist. Aber es gibt erhebliche Zweifel an seiner Täterschaft - vor allem der von der Polizei dargestellte Tathergang ist extrem unplausibel. Denn direkt vor seinem Anschlag mit einem zwanzig Kilo schweren Benzinkanister soll der Täter außerdem noch versucht haben, einen Juwelierladen in der Nähe auszurauben. Eine Rekonstruktion. Von Wolfgang Kraushaar. Mehr...

TASCHENBÜCHERBRIEF

Taschenbücherbrief: Wie in einem Fiebertraum

04.09.2026. Der neue Taschenbücherbrief ist da! Und da ist viel Schönes dabei: Jonas Lüscher geht auf einen atemlosen Trip durch die Länder und Jahrhunderte. Fiona Sironic jagt im vom Klimawandel ausgetrockneten Wald im Jahr 2050 Dinge in die Luft. Leon Engler blickt in das Gesicht des Wahnsinns. Volker Weiss entlarvt die Geschichtsklitterung der Rechten. Und Perlentaucherin Alice Fischer empfiehlt Jakob Heins berauschte DDR-Satire "Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste".   Von Alice Fischer. Mehr...

IN EIGENER SACHE

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

18.12.2025. Der Perlentaucher hat inzwischen 110.543 Rezensionsnotizen zu 67.013 Büchern. Wir spiegeln die qualifizierte literarische Öffentlichkeit dieses Jahrhunderts. Zuverlässige Information ist gerade in unzuverlässigen Zeiten wichtig: Wir machen seit dem dem 15. März 2000 eine tägliche Feuilleton-Presseschau. 500.000 verschiedene Menschen besuchen den Perlentaucher monatlich mindestens einmal. Besonders danken möchten wir 2.000 unter ihnen, die uns monatlich mit einem  freiwilligen "Abo" unterstützen.  Von Thierry Chervel. Mehr...

Beliebte Bücher

Shida Bazyar. Die Lücken - Roman. Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln, 2026.Shida Bazyar: Die Lücken
Heimesbach im Hunsrück ist ein fiktiver Ort, an dem sich neunzig Jahre deutscher Geschichte in die Mauern und Biografien eingenistet haben. Es ist eine Gemeinde, die ihre…
Anne Carson. Rot - Zwei Romane in Versen. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2019.Anne Carson: Rot
Aus dem amerikanischen Englisch von Anja Utler. Der rote Junge Geryon ist unsterblich in Herkules verliebt, der dem Jüngling nicht zu widerstehen vermag. Auf dem Höhepunkt…
Juli Zeh. Pony Show - Roman. Luchterhand Literaturverlag, München, 2026.Juli Zeh: Pony Show
Eine prominente Verlegerin unter Mordverdacht. Ein spektakulärer Schwurgerichtsprozess. Und die Frage: Wie verhandelbar ist die Wahrheit? Sie ist über fünfzig, verheiratet…
Anne Carson. Der bittersüße Eros. Turia und Kant Verlag, Wien, 2020.Anne Carson: Der bittersüße Eros
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