Landschaften im Denken

Wilder Ritt durch Harare mit Farai Mudzwinga. Petra Morsbach, Peggy Mädler. Hamza Abu Howidys Gaza. Bücherbrief

EIN WORT GIBT DAS ANDERE

Der Hartmut in einem Nebensatz

14.07.2026. An heißen Tagen kann man etwas Kühlendes lesen, Flaubert zum Besipiel. Man kann sich aber auch in die Rostlaube begeben und Hartmut Rosa bei einem Gespräch "zur Beziehung von Bürgerschaft und Demokratie" mit dem Peter und dem Stefan folgen. Klar, es geht den Bach runter. Dazu gibt es viele Daten. Aber es geht den Bach auch wieder rauf. Im Grunde war es so, wie es bei jeder Party ist, auf dem Balkon nach Mitternacht, wo die Raucher und die Nichtraucher am Ende eine Gemeinschaft bilden. Von Elke Schmitter. Mehr...

MAGAZINRUNDSCHAU

Blaue Einhörner, zweibeinige Biber, geflügelte Humanoiden

14.07.2026. Le Monde schickt eine Reportage über die Homosexuellen im Senegal, die inzwischen auch vom Staat aufs Korn genommen werden. Die New York Times lernt: Nicht nur Hacker können Daten klauen, auch britische Einbrecher. Andererseits gibt es die chinesische Hackergruppe Volt Typhoon, die mindestens genauso geschickt ist, lernt Wired. Eurozine erkundet das rebellische Potential von Pop-Phänomenen in China. Der New Yorker stellt ein Buch über die amerikanischen Kulturkämpfe seit den 1980ern vor. Der Observer erinnert an ein hochbezirztes Vogue-Porträt der Assad-Ehefrau Asma. Die London Review bemüht sich um einen Termin beim Oba von Benin. Mehr...

BÜCHERSCHAU DES TAGES

Murakamimäßig wackliger Boden

14.07.2026. Die FAZ geht mit Paulina Spiechowiczs Roman über ein polnisches Geschwisterpaar, das in einem Flüchtlingslager im italienischen Ostia aufwächst, durch ein Wechselbad der Emotionen. Die FR hat eine gute Zeit mit Johanna Sebauers Doppelgänger-Roman "Popóm". Die SZ findet Trost in der Menschenliebe von Angelika Klüssendorfs neuem Buch. Die taz empfiehlt nachdrücklich Gusel Jachinas Roman über das Leben von Sergej Eisenstein. Die Welt vertieft sich in Stephan Möschs reichhaltige Geschichte der Bayreuther Festspiele. Mehr...

ESSAY

Was lief schief mit Omer Bartov?

14.07.2026. Omer Bartov ist ein renommierter Holocaustforscher. Er missbraucht dieses Renommee, um seiner Polemik gegen Israel Gewicht zu verleihen und wird dafür verehrt - zuletzt in seinem Buch "Israel: What Went Wrong". Nur hält diese Polemik den wissenschaftlichen Kriterien, die er  in seinen historischen Büchern einst befolgte, überhaupt nicht stand. Sie behauptet, aber sie belegt nicht. Erkenntnisse aus vierzig Jahren Forschung zu Holocaust und Israel ignoriert Bartov. Und sein an Israel gerichteter Vorwurf der Empathielosigkeit fällt auf ihn selbst zurück. Von Jeffrey Herf. Mehr...

EFEU - DIE KULTURRUNDSCHAU

Mit der kühlen Glätte eines Hais

14.07.2026. Der Guardian huldigt in der Tate Modern den archaischen Fruchtbarkeitsgöttinen der Künstlerin Ana Mendieta. Der Schriftsteller Dinaw Mengestu ist als Präsident des amerikanischen PEN-Clubs zurückgetreten - wegen eines Artikels, der Antisemitismus anprangert, konstatiert die Welt fassungslos. In zwei Jahren wird man einen KI-Film nicht von einem gefilmten unterscheiden können, versichert der SZ die Produzentin Cecilia Shen. Und die Filmkritiker trauern um den Schauspieler Sam Neill, der leichtfüßig zwischen Blockbuster und Autorenfilm tänzelte.  Mehr...

9PUNKT - DIE DEBATTENRUNDSCHAU

Die schrecklichen Bilder, die Panik

14.07.2026. Die Jüdische Allgemeine zitiert Bernard-Henri Lévy: Die fehlende Unterstützung für Israel wird als Schande in die Geschichte eingehen. In der FR bleibt Eva von Redecker dabei: Es droht Faschismus, und man kann sich nicht "Antifaschist" nennen, wenn man nicht Demos gegen Israel unterstützt. Was soll der Westen tun? Letztlich wird er Putin den Sieg gewähren, prognostiziert Viktor Jerofejew in der FAZ und scheint das ganz ok zu finden. Wie umgehen mit Traumata - fragen sich Deutsche fünf Jahre nach der Ahrtalflut und Franzosen zehn Jahre nach dem Attentat von Nizza. Mehr...

WO WIR NICHT SIND

Die Glühbirne hatte ein wenig gezögert

13.07.2026. Der slowakische Dichter Lukáš Cabala setzt mit "Denkst du noch an Trencin?" seinem Geburtsort ein Denkmal. Der surreal flirrende Roman ist voller Wurmlöcher und leuchtender Details, von Stefanie Bose kongenial ins Deutsche übersetzt. Wir treffen: vier Protagonisten und eine Stadt, die den einzig stabilen Grund in der Neondunkelheit der Gegenwart bildet. Von Benita Berthmann. Mehr...

INTERVENTION

Gegen die destruktiven Entwicklungen

10.07.2026. Die taz brachte neulich ein ganzes Antifa-Dossier, und darin einen Text, der von der eigenen Anständigkeit so betört war, dass er leider das Denken vergaß. Er sah die Menschlichkiet nur auf der einen Seite, der eigenen. Gegen diese Art von Glauben hilft nur eins: Ideen. Von Karl-Josef Pazzini, Lukas Pazzini. Mehr...

FOTOLOT

In der Weite des Felds

08.07.2026. Hans van der Meer sucht in seinem Fußballfotobuch "Torhüter - Von den Plätzen des europäischen Amateurfußballs" nicht die Athletik und Dynamik des Spiels, auch keine Legenden wie Maradona oder Zidane, sondern die Einsamkeit des Torhüters auf europäischen Bolzplätzen. Seine Arbeiten sind im Grunde Bilder einer spezifischen Form von europäischer Kulturlandschaft. Und der Sehnsucht nach sozialem Aufstieg. Von Peter Truschner. Mehr...

IM KINO

Wir sind hier nicht in Frankreich

08.07.2026. Leyla Bouzid erzählt in "Mit leiser Stimme" von einer jungen Frau, die bei einem Besuch in ihrer tunesischen Heimat ihre Sexualität verbergen muss. Ihr Film, der vor allem weibliche Homophobie thematisiert, vertraut darauf, dass Empathie effektiver ist als bombastischer Pathos. Von Michael Kienzl. Mehr...

BÜCHERBRIEF

Landschaften im Denken

06.07.2026. Noch heißer als die letzten Tage sind unsere neusten Lektüretipps: Farai Mudzwinga nimmt uns mit auf einen fiebrigen und wilden Ritt durch die Straßen von Harare. Petra Morsbach erkundet mit scharfem Blick die Büchermenschenwelt, Karine Tuil erzählt mit Biss und Witz vom Fall eines französischen Ex-Präsidenten und Hamza Abu Howidy schickt eine facettenreiche Innenansicht aus Gaza. Dies alles und mehr in unseren besten Büchern des Monats Juli. Mehr...

INTERVENTION

Herzingers Kassandrarufe

02.07.2026. Im Oktober letzten Jahres ist der Autor und Perlentaucher-Kolumnist Richard Herzinger im Alter von 69 Jahren gestorben. Heute erscheint der Band "Letztes Wort Freiheit" mit Essays Herzingers seit 1992. Es geht um Heiner Müller, deutsche Intellektuelle nach Srebrenica, den 11. September, Botho Strauß, die 68er, die RAF, die Gefahr des Rechtsextremismus, die Ukraine, - und viele andere Themen. Herzinger war mehr als ein Leitartikelschreiber - seine Essays gehören in die große Tradition antitotalitären Denkens. Aus den Essays bringen wir aus Anlass des Erscheinens einige Gedankensplitter, die zeigen, wie früh Herzinger jene Tendenzen benannte, denen die Demokratien heute zu erliegen drohen. Von Thierry Chervel, Richard Herzinger. Mehr...

EIN WORT GIBT DAS ANDERE

Eine Art von sozialem Vertrauen

25.06.2026. Fünfzig Jahre Courage: Ein Abend in der Bar jeder Vernunft erinnerte an die berühmte feministische Zeitschrift. Und an einen Feminismus, in dem mehr die Rede von dem war, was gemeinsam erreicht werden kann als von partikularen Identitäten. Politik war mehr durch die Richtung bestimmt, in die man wollte, als von den Wurzeln, dem Hintergrund, der diskriminierenden Erfahrung. Von Elke Schmitter. Mehr...

FOTOLOT

Mal zart, mal roh

24.06.2026. Die "Triennale der Photographie" bietet einen Anlass zu melancholischer Reflexion über den Lauf der Zeit. Sabine Schnakenberg hat in der Ausstellung "Cocktail Prolongé" Bilder der Nacktheit aus der spektakulären Sammlung von F.C. Gundlach zusammengestellt - ein Who's who der Fotografie. Ich behaupte: Im angloamerikanischen Raum wäre diese Ausstellung heute schlicht unmöglich zu realisieren. Von Peter Truschner. Mehr...

IN EIGENER SACHE

Bot-Attacken gegen den Perlentaucher

23.06.2026. Liebe Leserinnen, liebe Leser, der Perlentaucher wird zur Zeit  wie viele andere Internetseiten von Bots attackiert. Darum kann es passieren, dass unsere Seiten, obwohl sie von uns normal ausgeliefert werden, nicht erreichbar sind. Wir arbeiten an dem Problem. Mehr...

TAGTIGALL

Wiederholung - ein Erkundungsflug

22.06.2026. Poesie kann die "bequemen Polster linearer Erzählung wegschneiden" und die Dinge, auch die entferntesten, im Wiederholen bannen, sagte die Dichterin Lea Schneider auf dem diesjährigen Berliner Poesiefestival. Drei Künstlerinnen - Anne Carson, Mia You und Valzhyna Mort - zeigten, was die Kunst der Wiederholung vermag. Von Marie Luise Knott. Mehr...

INTERVENTION

Giftige Brühe

22.06.2026. "Ich habe mich entschieden, es einen Genozid zu nennen", sagte Ines Schwerdtner von der Linkspartei auf dem Parteitag. Die Delegierten jubelten. Dieser Satz verdient es, näher betrachtet zu werden. So wie Sally Rooneys Satz. "Die Befreiung Palästinas bedeutet die Befreiung der Welt." Israel wird zur Obsession - nicht nur der Linken: Im Hass auf Israel fusionieren die totaliären Ideen.  Von Thierry Chervel. Mehr...

MIND THE GAP

Alle vier Jahrzeiten überstanden

22.06.2026. Der Perlentaucher und das "Toledo"-Programm des Deutschen Übersetzerfonds starten eine Zusammenarbeit. Der Perlentaucher wird auf die "Toledo"-Journale verweisen, in denen ÜbersetzerInnen über ihre Arbeit an ganz konkreten Büchern reflektieren. Und wir starten zusammen mit "Toledo" eine neue Kolumne - "Mind the Gap": Hier geht's ums Übersetzen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz. Den Start macht die Chinesisch-Übersetzerin Karin Betz: "Literaturübersetzung ist kein Rechenexempel, sie ist im besten Sinn unberechenbar." Von Karin Betz. Mehr...

VORGEBLÄTTERT

Helga Kurzchalia: Weltzeituhr

18.06.2026. In "Weltzeituhr" erzählt Helga Kurzchalia von den Siebziger- und Achtzigerjahren in Ostberlin und verwebt individuelle Erfahrungen mit dem Weltgeschehen: Eine junge Psychologin fühlt sich durch die gesellschaftlichen Verhältnisse in ihrer Freiheit eingeschränkt und fragt sich immer wieder, was normal ist und warum ihr das Normale oft so befremdlich vorkommt. Ist es ein Nachhall auf die Nazizeit? Oder ein Abbild der DDR mit ihren Normen und Zwängen, der gefühlten Enge? Mehr...

VORGEBLÄTTERT

Jahrbuch Sexualitäten 2026

17.06.2026. Das "Jahrbuch Sexualitäten" ist ein jährlich erscheinendes Periodikum, das Fragen des Sexuellen in einem weiten Sinne thematisiert. Als Vorabdruck haben wir das von Jan Feddersen geführte Gespräch mit der österreichischen Grünen-Politikerin Faika El-Nagashi gewählt. Sie erzählt von ihren zwei Coming Outs - als Lesbe, nicht einfach etwa gegenüber ihrem Vater, und als queerkritische Feministin, die ihre Schwierigkeiten mit dem Sternchen hat. Erschreckend, wie groß der politische Druck auf die Szene ist, um einen bestimmten Begriff der Queerness durchzusetzen. Mehr...

INTERVENTION

Das rot-braune Phänomen

11.06.2026. Die republikanische Linke in Frankreich ist einst im Zeichen der Dreyfus-Affäre als ein anti-antisemitisches Lager entstanden.  Der Antisemit war der politische Gegner. Das hat sich verschoben. Ein großer Teil der Linken legt eine Judophobie an den Tag, die nicht einfach ein moralischer Fehler ist, sondern den Verlust des Bezugspunkts bedeutet, der ihrer Geschichte einen Sinn gab. Das führt zu einer Annäherung der Linken an den Faschismus, die die israelische Linke mit aller Kraft bekämpfen muss. Von Eva Illouz. Mehr...

FOTOLOT

Das reale Blut

10.06.2026. Gibt es eine Refeudalisierung in der Kunst? Anschließend an meine Kolumne zu Martin Warnkes Geschichte der "Hofkünstler"stellt sich die Frage, wie Macht und Kunst sich heute organisieren. Nehmen wir die "Rebellin" Florentina Holzinger, die den größten Hype auf der Biennale Venedig erzeugte - vertreten wird sie aber von einer jener Galerien, die die heute so typische Mischung aus VIP-Lounge und markenorientiertem Fertigungsbetrieb betreibt. Das heißt nicht, dass einige ihrer Arbeiten nicht großartig sind. Von Peter Truschner. Mehr...

ESSAY

Liebe, Rache, Algorithmus

05.06.2026. Microdramen erreichten in China vergangenes Jahr bereits knapp 700 Millionen Nutzer, auch in Nordamerika und Europa werden sie bereits produziert: Vulgäre Seifenopern fürs Smartphone, billig produziert - von Klick zu Klick geht es von einer grobschlächtigen Szene zur nächsten. Der gut situierten Großstädterin gefällt's: Die nächste Stufe der Industrialisierung des Erzählens ist erreicht. Von Tilman Baumgärtel. Mehr...

IN EIGENER SACHE

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

18.12.2025. Der Perlentaucher hat inzwischen 110.543 Rezensionsnotizen zu 67.013 Büchern. Wir spiegeln die qualifizierte literarische Öffentlichkeit dieses Jahrhunderts. Zuverlässige Information ist gerade in unzuverlässigen Zeiten wichtig: Wir machen seit dem dem 15. März 2000 eine tägliche Feuilleton-Presseschau. 500.000 verschiedene Menschen besuchen den Perlentaucher monatlich mindestens einmal. Besonders danken möchten wir 2.000 unter ihnen, die uns monatlich mit einem  freiwilligen "Abo" unterstützen.  Von Thierry Chervel. Mehr...